Oft gibt es Rufe nach einem klaren Grenzwert für Schimmelpilze in der Raumluft. Die Vorstellung erscheint logisch: Unterhalb eines bestimmten Wertes gilt die Luft als unbedenklich, oberhalb davon entsteht ein Gesundheitsrisiko. Genau dieser Ansatz funktioniert bei Schimmelpilzen aber so nicht. Grenzwerte für Schimmelpilze sind kaum machbar. Wissenschaft und Medizin liefern dafür einen klaren Grund: Jeder menschliche Körper bzw. sein Immunsystem reagiert anders auf Schimmelsporen und deren Stoffwechselprodukte.
Das Immunsystem reagiert individuell
Das menschliche Immunsystem besitzt keine einheitliche Reaktionsschwelle. Jeder Mensch reagiert unterschiedlich auf Umweltstoffe. Besonders deutlich zeigt sich dieser Effekt bei Allergien. Ein Beispiel liefert der Umgang mit Lebensmitteln und Allergenen. Haselnüsse gelten als klassisches Allergen. Manche Allergiker reagieren bereits auf kleinste Mengen. Schon Spuren in molekularer Größenordnung lösen Husten, Atemnot oder Hautreaktionen aus. Ein anderer Allergiker verträgt hingegen kleine Mengen Haselnüsse ohne akute Beschwerden. Genau dieses Prinzip überträgt sich auf Schimmelpilze. Einige Menschen reagieren sehr empfindlich auf Schimmelsporen oder Mykotoxine. Schon wenige Sporen können Hustenreiz, Atemprobleme oder allergische Symptome auslösen. Eine andere Person hält sich im selben Raum auf und spürt keinerlei Beschwerden. Das zeigt schon eine große individuelle Bandbreite und macht einen festen Grenzwert für Schimmelpilze praktisch unmöglich.
Schimmelsporen gehören zur natürlichen Umgebung
Ein weiterer wichtiger Faktor erschwert die Festlegung eines Grenzwertes zusätzlich: Schimmelsporen existieren überall in der Umwelt. Sie gehören zum natürlichen Bestandteil der Luft. Die Außenluft enthält Sporen verschiedener Pilzarten. Wind, Pflanzen, Boden und organisches Material setzen sie permanent frei. Auch völlig gesunde Gebäude enthalten immer eine gewisse Menge an Sporen in der Raumluft. Die Frage nach einem Grenzwert führt deshalb zu einem grundsätzlichen Problem: Wo soll die unterste Grenze liegen, wenn Sporen ohnehin permanent in der Luft vorhanden sind? Ein Null-Wert macht in diesem Zusammenhang keinen Sinn.
Unterschiedliche Empfindlichkeit gegenüber Mykotoxinen
Schimmelpilze produzieren teilweise Mykotoxine. Diese Stoffwechselprodukte können gesundheitliche Auswirkungen haben. Doch auch hier reagiert jeder Körper unterschiedlich und man muss deutlich zwischen echten Mykosen und allergischen Reaktionen unterscheiden. Ein Mensch reagiert möglicherweise schon auf sehr geringe Konzentrationen mit Beschwerden des Atemapparats. Eine andere Person bleibt symptomfrei, obwohl sie sich in derselben Umgebung befindet. Diese unterschiedlichen Reaktionen erschweren eine klare toxikologische Bewertung erheblich. Selbst moderne Umweltmedizin kann keine universelle Belastungsgrenze definieren, die für alle Menschen gleichermaßen gilt.
Internationale Organisationen verzichten ebenfalls auf feste Grenzwerte
Deutschland besitzt keine gesetzlich festgelegten Grenzwerte für Schimmelpilze in Innenräumen. Dieses Vorgehen entspricht auch der internationalen wissenschaftlichen Praxis. Viele Organisationen veröffentlichen lediglich Orientierungswerte oder Bewertungsmodelle. In Deutschland richten wir uns in den meisten Fällen nach den Zahlen des Umweltbundesamtes. Aber blicken wir man über unsere Grenzen hinaus.
Fehlendes Dosis-Wirkungs-Prinzip
Exposition ist nicht gleich Dosis! Der bloße Nachweis eines Mykotoxins in Luft oder Staub beweist noch keine toxikologisch relevante Aufnahme.
Für eine belastbare Risikobewertung benötigt man:
- Konzentration in der Atemluft
- Atemminutenvolumen
- Expositionsdauer
- Resorptionsrate
- Zielorgan-Dosis
Für Innenräume existieren hierzu kaum robuste Human-Daten.
Betrachten wir einige internationale Empfehlungen im Vergleich:
ACGIH – American Conference of Governmental Industrial Hygienists
Ältere Publikationen dieser Organisation nennen häufig folgende Orientierungsbereiche:
-
< 100 KBE/m³: niedrige Konzentration
-
100 – 1.000 KBE/m³: typische Hintergrundbelastung
-
> 1.000 KBE/m³: ungewöhnlich hohe Konzentration
Heute betont die Organisation jedoch ausdrücklich, dass keine festen numerischen Grenzwerte empfohlen werden.
AIHA – American Industrial Hygiene Association
Auch die AIHA verzichtet auf verbindliche Grenzwerte. In älteren Leitfäden findet sich jedoch eine häufig verwendete Interpretation:
- > 1.000 KBE/m³: Hinweis auf eine atypische Situation
-
Innenraum deutlich über Außenluft: möglicher Schimmelherd im Gebäude
Der Vergleich zwischen Innenraumluft und Außenluft spielt dabei eine zentrale Rolle.
Europäische Orientierungswerte aus historischer Literatur
Einige europäische Bewertungsmodelle klassifizieren Luftkonzentrationen grob:
-
< 200 KBE/m³: niedrig
-
200 – 1.000 KBE/m³: mittel
-
1.000 – 10.000 KBE/m³: hoch
-
10.000 KBE/m³: sehr hoch
Diese Einteilungen dienen ausschließlich der groben Orientierung. Sie ersetzen keine gesundheitliche Bewertung.
CMHC – Canada Mortgage and Housing Corporation
Kanadische Leitfäden nutzen teilweise folgende Bewertungsansätze:
- > 50 KBE/m³ einer einzelnen Art: mögliche Quelle im Gebäude
-
150 – 200 KBE/m³ mit mehreren Arten: häufig normal
-
> 200 KBE/m³: weitere Untersuchung sinnvoll
Auch hier steht nicht der Grenzwert im Mittelpunkt, sondern der Hinweis auf mögliche Ursachen.
OSHA – United States Occupational Safety and Health Administration
Die US-Arbeitsschutzbehörde veröffentlicht keine offiziellen Grenzwerte für Schimmelpilze. In Fachpublikationen finden sich jedoch Diskussionen über folgende Größenordnungen:
- > 1.000 KBE/m³: möglicher Hinweis auf Kontamination
- > 1.000.000 Pilze pro Gramm Staub: möglicher mikrobieller Schaden
Auch diese Werte dienen lediglich als Hinweis auf eine mögliche Problemlage.
Der entscheidende Punkt: Ursachen statt Grenzwert
Die Praxis der Schimmelpilzbewertung konzentriert sich deshalb nicht auf starre Grenzwerte. Fachleute untersuchen vielmehr die Ursachen und sorgen für ein erfolgreiches Sanierungskonzept inklusive dessen Überprüfung durch eine Freimessung. Hier ist Sachverstand notwendig.
Eine wichtige Rolle spielen dabei:
-
sichtbarer Schimmelbefall
-
Feuchtigkeit im Gebäude
-
auffällige Artenzusammensetzung der Sporen
-
deutliche Unterschiede zwischen Innen- und Außenluft
Das Ziel besteht darin, mögliche Schimmelquellen im Gebäude zu identifizieren, erfolgreich zu sanieren und durch eine Freimessung den Erfolg zu messen. Dieser Ansatz schützt die Gesundheit wesentlich zuverlässiger als ein theoretischer Grenzwert.
Fazit
Die Suche nach einem festen Grenzwert für Schimmelpilze erscheint verständlich. Die biologische Realität lässt jedoch keine einheitliche Grenze zu. Ein Grenzwert macht also keinen Sinn. Unterschiedliche Immunsysteme, natürliche Sporenbelastung der Luft und individuelle Reaktionen des Immunsystems auf Mykotoxine verhindern eine allgemein gültige Schwelle. Aus diesem Grund arbeiten Wissenschaft und internationale Organisationen mit Orientierungswerten statt mit verbindlichen Grenzwerten. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Welcher Grenzwert gilt?“ sondern „Gibt es Hinweise auf eine Schimmelquelle im Gebäude oder gibt es möglicherweise nicht sichtbare Schimmelpilze, die es zu finden gilt?“
